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Fußball

Der Kölner Keller entscheidet mit – so arbeitet der VAR

Der Video-Assistent darf nur in vier Situationen eingreifen – und selbst dort nur bei klaren Fehlern. Warum das so ist.

Der Kölner Keller entscheidet mit – so arbeitet der VAR

Der Jubel bleibt in der Kehle stecken, der Schiedsrichter tippt sich ans Ohr, und im Stadion beginnt das Warten. Der Video-Assistent hat den deutschen Fußball verändert wie keine andere Neuerung der vergangenen Jahrzehnte – und wird trotzdem regelmäßig missverstanden. Er darf nämlich nicht bei jeder strittigen Szene eingreifen, sondern nur in vier klar definierten Situationen. Dieser Text erklärt welche, wie ein Check abläuft und warum die Entscheidung am Ende trotzdem auf dem Platz fällt.

Die vier Situationen

Der Video-Assistent – offiziell Video Assistant Referee, kurz VAR – prüft ausschließlich:

Situation Was geprüft wird
Tore Vergehen im Angriff davor: Abseits, Handspiel, Foul, Ball im Aus
Strafstoß Gegeben oder nicht gegeben – inklusive Tatort innerhalb oder außerhalb des Raums
Rote Karte Nur direkte Rote Karten, nicht Gelb-Rot
Spielerverwechslung Karte gegen den falschen Spieler

Alles andere ist tabu. Ein übersehener Einwurf, ein falscher Eckball, eine nicht gegebene Gelbe Karte – der VAR darf nicht eingreifen, egal wie eindeutig der Fehler ist.

Und selbst innerhalb der vier Situationen gilt eine zusätzliche Hürde: Es muss sich um eine klare und offensichtliche Fehlentscheidung handeln oder um einen schwerwiegenden übersehenen Vorfall. Bewertungsfragen, bei denen zwei erfahrene Schiedsrichter unterschiedlicher Meinung sein könnten, bleiben beim Unparteiischen auf dem Platz.

Wie ein Check abläuft

Die Prüfung beginnt automatisch nach jeder relevanten Szene, ohne dass jemand sie anfordert:

  1. Silent Check. Der VAR sieht sich die Szene an, während das Spiel weiterläuft. In den allermeisten Fällen endet es hier – der Schiedsrichter merkt nichts davon.
  2. Empfehlung. Findet der VAR einen möglichen klaren Fehler, meldet er sich per Funk und schlägt eine Überprüfung vor.
  3. On-Field-Review. Der Schiedsrichter geht zum Monitor am Spielfeldrand und sieht sich die Szene selbst an.
  4. Entscheidung. Der Schiedsrichter entscheidet – er kann bei seiner ursprünglichen Bewertung bleiben.

Bei rein faktischen Fragen entfällt Schritt drei. Ob ein Spieler im Abseits stand oder ob der Ball die Linie überschritten hat, sind messbare Sachverhalte; hier übermittelt der VAR das Ergebnis, und der Schiedsrichter übernimmt es. Wie die Messung funktioniert, erklärt unser Text zur Abseitsregel.

Ablaufdiagramm eines VAR-Checks vom Silent Check bis zur Entscheidung des Schiedsrichters
Die meisten Prüfungen enden beim Silent Check – sichtbar wird nur die Ausnahme.

Wo der VAR sitzt

In Deutschland arbeiten die Video-Assistenten nicht im Stadion, sondern zentral in einem Videoassist-Center in Köln – im Fußballdeutsch längst als „Kölner Keller“ bekannt. Dort stehen für jede laufende Partie ein Arbeitsplatz mit allen Kamerabildern, ein Video-Assistent, ein Assistent des Assistenten und ein Operator bereit, der die Bilder zuspielt.

Die Zentralisierung hat einen praktischen Grund: einheitliche Technik, einheitliche Abläufe und die Möglichkeit, Entscheidungen zwischen Partien zu vergleichen. Kritiker halten dagegen, dass die räumliche Distanz das Spielgefühl verzerre – wer die Atmosphäre nicht spürt, bewerte Zweikämpfe anders.

Was sich messbar verändert hat

  • Abseitstore. Irregulär erzielte Treffer, die früher zählten, werden heute erkannt.
  • Strafstöße. Ihre Zahl ist nach Einführung des Systems gestiegen, weil Vergehen im Gedränge nachträglich gesehen werden.
  • Schwalben. Nicht verschwunden, aber riskanter – wer sich fallen lässt, muss mit der Zeitlupe rechnen.
  • Nettospielzeit. Checks verlängern Unterbrechungen; die Zeit wird nachgespielt, wie unser Text zur Nachspielzeit beschreibt.

Die Kritik – sortiert

„Der Jubel ist kaputt“

Der stärkste emotionale Einwand, und er lässt sich nicht widerlegen. Ein Tor, bei dem man erst nach 90 Sekunden weiß, ob es zählt, erzeugt nicht dasselbe Gefühl wie ein Tor, das sofort gilt. Die Verbände versuchen, die Prüfzeiten zu verkürzen, was das Grundproblem abmildert, aber nicht löst.

„Es wird trotzdem falsch entschieden“

Richtig – aber das war nie anders zu erwarten. Der VAR korrigiert klare Fehler, nicht Bewertungsfragen. Ob ein Trikotzupfen ein Foul ist, bleibt eine Ermessensentscheidung, und Ermessen lässt sich nicht durch Kameras ersetzen.

„Die Eingriffsschwelle ist unklar“

Der berechtigtste Einwand. Wann eine Fehlentscheidung „klar und offensichtlich“ ist, definiert kein Regeltext trennscharf. Genau hier entsteht der Eindruck von Willkür: Zwei ähnliche Szenen werden unterschiedlich behandelt, weil die Schwelle unterschiedlich ausgelegt wird.

„Kleinere Ligen haben ihn nicht“

Zutreffend und wettbewerbsrelevant. Der VAR braucht Kameras, Personal und Technik – im Pokal gegen Amateurvereine gibt es ihn deshalb nicht in allen Runden, wie unser Text zum DFB-Pokal erklärt.

Übersicht der vier Situationen, in denen der Video-Assistent eingreifen darf
Außerhalb dieser vier Fälle bleibt die Entscheidung beim Schiedsrichter, auch wenn sie falsch ist.

Der Videobeweis wurde eingeführt, um klare Fehler zu verhindern – nicht, um Fußball gerecht zu machen. Das sind zwei verschiedene Ziele.

Gängige Zusammenfassung des ursprünglichen IFAB-Auftrags

Was Zuschauer im Stadion sehen

Anders als in anderen Sportarten hat der Fußball lange darauf verzichtet, Prüfungen öffentlich zu machen. Inzwischen werden in vielen Stadien Hinweise auf den Anzeigetafeln eingeblendet, und in einzelnen Wettbewerben erklärt der Schiedsrichter seine Entscheidung per Mikrofon. Ob sich das flächendeckend durchsetzt, entscheidet der IFAB.

Für den Moment gilt: Wer im Stadion sitzt, hat weniger Informationen als jeder Fernsehzuschauer. Das ist der Grund, warum sich Unmut im Stadion oft an Szenen entzündet, die zu Hause längst geklärt aussehen.

Häufige Fragen

Kann ein Trainer eine Überprüfung anfordern?

Im Fußball nicht. Challenge-Systeme wie im Tennis oder American Football gibt es nicht; der VAR arbeitet ausschließlich von sich aus.

Wird auch Gelb-Rot überprüft?

Nein. Nur direkte Rote Karten. Eine zweite Gelbe bleibt unantastbar – auch wenn die erste falsch war. Wie Sperren daraus folgen, steht in unserem Text zu gelben Karten und Sperren.

Wie weit wird zurückgeschaut?

Bis zum Beginn der Angriffsphase, in der das Tor fiel – also etwa bis zum Ballgewinn oder bis zur letzten Spielunterbrechung. Ein Foul in der eigenen Hälfte drei Minuten vorher ist nicht mehr überprüfbar.

Was passiert bei Technikausfall?

Fällt das System aus, wird ohne VAR weitergespielt. Die Entscheidungen des Schiedsrichters bleiben gültig, und die Partie wird nicht unterbrochen.

Stand: Saison 2026/27. Eingriffsbereiche, Protokolle und Kommunikationsregeln legt der IFAB fest und passt sie regelmäßig an; unser Umgang damit steht unter So arbeiten wir.

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