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Wintersport

Der Weiteste gewinnt nicht immer – und das ist der Grund

Warum die Weite allein nichts aussagt: K-Punkt, Meterwert, Haltungsnoten und die Korrekturen für Wind und Anlauflänge – mit Rechenbeispiel.

Skispringen: Weiten-, Wind- und Haltungspunkte erklärt
Skispringen: Weiten-, Wind- und Haltungspunkte erklärt

Im Skispringen gewinnt nicht automatisch, wer am weitesten springt. Die Punktzahl setzt sich aus Weite, Haltungsnoten und zwei Korrekturen für Wind und Anlauflänge zusammen. Wer das System einmal verstanden hat, kann jede Übertragung mitrechnen, bevor die Anzeigetafel etwas verrät. Dieser Text erklärt jeden Bestandteil einzeln – und rechnet ein vollständiges Beispiel durch.

Die vier Bestandteile

Bestandteil Was er bewertet Größenordnung
Weitenpunkte Sprungweite gegen den K-Punkt meist 50–100 Punkte
Haltungsnoten Flug, Landung, Ausfahrt bis 60 Punkte
Windkorrektur Rückenwind oder Aufwind meist ±0 bis ±15 Punkte
Gate-Korrektur veränderte Anlauflänge meist ±0 bis ±10 Punkte

1. Weitenpunkte: der K-Punkt als Nullpunkt

Jede Schanze hat einen Konstruktionspunkt, kurz K-Punkt. Er markiert die Stelle im Aufsprunghang, für die die Schanze gebaut wurde. Ein Sprung genau auf den K-Punkt ergibt 60 Punkte.

Jeder Meter darüber oder darunter wird mit einem Meterwert verrechnet, der von der Schanzengröße abhängt – je größer die Schanze, desto weniger Punkte pro Meter:

Schanzentyp K-Punkt Punkte pro Meter
Kleinschanze unter 50 m 2,8 bis 4,8
Mittelschanze 50–74 m 2,4 bis 2,8
Normalschanze 75–99 m 2,0 bis 2,2
Großschanze ab 100 m 1,8
Flugschanze ab 170 m Hillsize 1,2

Auf einer Großschanze mit K-Punkt 120 ergibt ein Sprung auf 130 Meter also 60 + (10 × 1,8) = 78 Weitenpunkte. Ein Sprung auf 112 Meter ergibt 60 − (8 × 1,8) = 45,6 Punkte.

Gemessen wird in halben Metern, und zwar nicht mit dem Auge, sondern per Videosystem. Maßgeblich ist die Position der Füße in dem Moment, in dem beide Ski vollständigen Bodenkontakt haben.

Und die Hillsize?

Die Hillsize – abgekürzt HS – ist etwas anderes als der K-Punkt: Sie bezeichnet das bauliche Ende des sicher landbaren Bereichs. Springt jemand über die Hillsize hinaus, ist das kein Regelverstoß, aber ein Sicherheitssignal für die Jury, den Anlauf zu verkürzen. Der Schanzenrekord kann über der Hillsize liegen; der K-Punkt bleibt trotzdem der Nullpunkt für die Punktrechnung.

Schanzenprofil mit K-Punkt, Hillsize und der Umrechnung von Metern in Weitenpunkte
60 Punkte am K-Punkt, darüber und darunter wird linear verrechnet – der Meterwert hängt von der Schanze ab.

2. Haltungsnoten: fünf Richter, drei zählen

Fünf Punktrichter sitzen im Turm neben dem Aufsprunghang und vergeben je 0 bis 20 Punkte. Die höchste und die niedrigste Note werden gestrichen, die verbleibenden drei addiert. Maximal sind also 60 Haltungspunkte möglich.

Bewertet werden drei Phasen:

  1. Flug. Ruhige, symmetrische Ski-Stellung, stabile Körperhaltung, keine Korrekturbewegungen mit den Armen.
  2. Landung. Der Telemark – ein Ausfallschritt mit deutlich versetzten Füßen und gebeugtem hinteren Knie. Fehlt er, kostet das in der Regel zwei bis vier Punkte pro Richter.
  3. Ausfahrt. Kontrollierte Fahrt bis zur Sturzlinie. Ein Sturz nach der Landung kostet massiv.

Eine perfekte Note von 20,0 vergeben Punktrichter äußerst selten. Der übliche Bereich für einen sauberen Sprung mit Telemark liegt bei 18,0 bis 19,5. Die Streichung von Höchst- und Tiefstnote ist genau wie im Boxen dazu da, einzelne Ausreißer zu neutralisieren – dort funktioniert die Absicherung allerdings ganz anders, wie unser Text zum 10-Punkte-System zeigt.

3. Windkorrektur: der umstrittenste Teil

Seit der Saison 2009/10 wird der Wind rechnerisch ausgeglichen. Der Gedanke dahinter: Aufwind trägt einen Springer weiter, Rückenwind drückt ihn herunter – beides hat nichts mit seiner Leistung zu tun.

Auf der Schanze messen mehrere Sensoren zwischen Schanzentisch und Aufsprunghang die Windgeschwindigkeit und -richtung, gewichtet nach Abschnitt. Daraus errechnet das System einen Korrekturwert:

  • Aufwind (Wind von vorn) → Punkte werden abgezogen.
  • Rückenwind → Punkte werden gutgeschrieben.

Wie viele Punkte ein Meter pro Sekunde wert ist, hängt von der Schanzengröße ab – auf großen Schanzen wirkt Wind stärker und wird höher bewertet. Die Kritik am Verfahren ist so alt wie das Verfahren selbst: Es korrigiert nach einem Durchschnitt, während der einzelne Springer eine konkrete Böe erwischt oder eben nicht. Es ist unbestritten ungenau – und trotzdem deutlich fairer als der Zustand davor, als bei wechselndem Wind ganze Durchgänge annulliert werden mussten.

4. Gate-Korrektur: wenn der Anlauf verändert wird

Der Gate ist der Startbalken im Anlauf. Er ist in nummerierten Stufen verstellbar. Ein niedrigeres Gate bedeutet kürzerer Anlauf, geringere Geschwindigkeit, kürzere Sprünge.

Die Jury verstellt den Gate aus Sicherheitsgründen, etwa wenn die Springer zu weit fliegen. Damit die vorher gesprungenen Athleten nicht benachteiligt werden, gibt es eine Verrechnung: Wer bei niedrigerem Gate springt, bekommt Punkte gutgeschrieben, wer bei höherem springt, bekommt Punkte abgezogen.

Zusätzlich existiert die Trainerregel: Ein Trainer kann den Gate für seinen Athleten eigenständig um eine Stufe senken. Der Athlet bekommt dann die Gate-Gutschrift – verzichtet aber auf Anlaufgeschwindigkeit. Diese Entscheidung fällt binnen Sekunden und ist eine der taktisch interessantesten im ganzen Wintersport.

Beispielrechnung eines Skisprungs mit Weitenpunkten, Haltungsnoten, Wind- und Gate-Korrektur
Weite, Haltung, Wind, Gate – die Endnote steht oft erst zwei Sekunden nach der Landung fest.

Ein vollständiges Rechenbeispiel

Großschanze, K-Punkt 120 Meter, Meterwert 1,8. Der Springer landet bei 132,5 Metern.

  1. Weitenpunkte: 60 + (12,5 × 1,8) = 82,5
  2. Haltungsnoten: Die fünf Richter geben 18,5 – 19,0 – 19,0 – 18,5 – 18,0. Höchste (19,0) und niedrigste (18,0) fallen weg, es bleiben 18,5 + 19,0 + 18,5 = 56,0
  3. Windkorrektur: leichter Aufwind, −4,3 Punkte
  4. Gate-Korrektur: Gate um eine Stufe gesenkt, +2,4 Punkte

Endnote: 82,5 + 56,0 − 4,3 + 2,4 = 136,6 Punkte.

Ein Wettkampf besteht aus zwei Durchgängen, deren Punkte addiert werden. Im zweiten Durchgang starten nur die besten 30 des ersten – in umgekehrter Reihenfolge, der Führende also zuletzt.

Weltcup, Vierschanzentournee und Wertungen

Für die Weltcup-Wertung erhält der Sieger eines Einzelspringens 100 Punkte, der Zweite 80, der Dritte 60, dann abfallend bis Platz 30. Wer am Saisonende vorn liegt, gewinnt die große Kristallkugel.

Zwei Sonderformate haben eigene Logiken:

  • Vierschanzentournee. Vier Springen zwischen Ende Dezember und Anfang Januar in Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen. Gewertet wird die Summe aller vier Wettkämpfe. Zusätzlich gilt in der Qualifikationsphase das KO-System, bei dem jeweils zwei Springer direkt gegeneinander antreten.
  • Skiflugwertung. Eine eigene kleine Kristallkugel für die Flugschanzen-Wettbewerbe, bei denen der Meterwert auf 1,2 fällt und Weiten jenseits von 230 Metern möglich sind.

Ein Skispringen ist die einzige Sportart, in der man beim Blick auf die Landung noch nicht weiß, ob es ein guter Sprung war.

Häufig zitierte Beschreibung der Punktesystematik im Skisprung-Kommentar

Was das System für Zuschauer bedeutet

Drei praktische Faustregeln:

  1. Die Weite allein sagt nichts. Zwei Meter weniger bei besserem Wind können mehr Punkte bedeuten.
  2. Der Telemark ist teuer. Wer ihn auslässt, verliert leicht zehn Punkte – das sind auf der Großschanze mehr als fünf Meter.
  3. Gate-Entscheidungen sind Taktik. Wenn ein Trainer die Stange zieht, hat er ausgerechnet, dass die Gutschrift den Geschwindigkeitsverlust überwiegt.

Wer die Wertungslogik anderer Wintersportarten vergleichen will: Im Biathlon entscheidet die Kombination aus Laufzeit und Schießfehlern, wie unser Text zu den Biathlon-Regeln zeigt. In der Nordischen Kombination werden Skisprungpunkte direkt in Sekunden umgerechnet – nachzulesen in Nordische Kombination, Rodeln und Bob.

Stand: Saison 2026/27. Meterwerte, Windfaktoren und Punkteverteilungen legt die FIS im jeweils gültigen Reglement fest; unser Umgang damit steht unter So arbeiten wir.

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